Da mein Liebster derzeit unser Auto für den Arbeitsweg benutzt und für mich Fahrradfahren erst ab 10°C und Sonnenschein überhaupt in Frage kommt, nutze ich derzeit die Straßenbahn, um auf Arbeit zu kommen.
Ich hasse es!
Natürlich. Es ist umweltschonend.
Und ja, man erlebt auch etwas.
Die Frage ist nur, ob ich das alles erleben möchte! Es ist ja so - ich bin ja nicht die einzige, die zur Arbeit fährt. Sondern da sind morgens unzählige pubertierende Schüler, die sich über Sachen Gedanken machen, dass ich mich manchmal ernsthaft Frage, ob ich damals auch so belanglose Probleme hatte (die schonungslose Antwort meine Mama war JA!). Und am Nachmittag wäre da die Mischung aus Rentnern, die sich an den heimischen Kaffee-Tisch bewegen müssen (und das schnellstmöglich! Da muss man sich auch mal in die Bahn drängeln! Die Bahn ist sonst weg und wenn man erst die nächste in 6 Minuten nimmt, dann ist zuhause der Kuchen weggelaufen!) und frühzeitigen Feierabend-Habenden wie ich.
Es ist also jedesmal ein kleiner Kampf einen Sitzplatz zu ergattern. Wenn man einen hat, dann sind das ja aber keine Einzelsitze, sondern zwei nebeneinander. Und schätzungsweise sind die Dresdner Verkehrsbetriebe bei der Bestellung ihrer Straßenbahnen davon ausgegangen, dass nur schmal-ärschige, zarte Frauen mit den Bahnen fahren, weswegen die Sitze auch extraschmal konzipiert wurden. Im Sommer mag das ja noch gehen, aber jetzt im Winter, in Zeiten, wo dicke Wintermäntel und Jacken manche Körper noch fülliger machen, als diese eh schon sind, ist es also an der Tagesordnung, dass man Oberschenkel an Oberschenkel gepresst in der Straßenbahn sitzt und die Ellenbogen fest in die Taille pressen muss, damit man den Sitznachbarn nicht auch noch mit den Oberarmen bekuschelt.
Nun ist es ja statistisch bewiesen, dass heutzutage die wenigsten Menschen ein normales Gewicht auf die Waage bringen. Aus diesem Grund kommt es auch immer häufiger vor, dass sich in der Bahn jemand neben einen setzt, dem dieser eine Sitz schon lange nicht mehr ausreicht. Dann sitzt man entweder auf 1/4-Sitz eingequetscht zwischen Bahnfenster und Sitznachbar oder fällt halb auf den Gang.
Gut! Lässt sich noch ertragen. Da ich in der Bahn eh immer lese (der einzige Vorteil des Bahnfahrens!) und ich zum Umblättern nur meine Hände brauche, bleibe ich eben eingequetscht sitzen. Das ist im Winter zumindest schön warm und man friert nicht. Man muss die Dinge ja positiv sehen, nicht wahr? Im Sommer... gut. Finde ich das dann nicht mehr ganz so lecker, aber da sind die meisten Menschen dann eh so leicht bekleidet, dass ich Bahnfahren aufgrund des erhöhten, ungewollten Körperkontaktes nur noch widerlich finde. Aber gut. Bleiben wir im Winter.
Gut, wie gesagt. Eingequetscht sitzen ist kein großes Problem. Hauptsache sitzen! Im Stehen liest es sich nicht gut, das habe ich schon ausprobiert. Vor allem nicht, wenn die Bahn eine Vollbremsung machen muss, weil irgendsoein Fußgänger-Spacko das ROT bei der Bahn-Fußgängerampel ignoriert hat.
Nun habe ich aber irgendwie immer das Glück, dass die Menschen, die sich neben mich in der Bahn auf den Sitz quetschen und mich auf die letzten 20cm des Sitzes verbannen, nicht nur ebendiese Eigenschaft an den Tag legen, sondern dazu auch noch stinken! Barbarisch stinken! Und es ist egal welcher Wochentag! Ok, je mehr sich das Wochenende nähert, desto schlimmer wird es, aber die Leute neben mir stinken auch Montagfrüh schon! So sitze ich also in der Bahn. Eingequetscht zwischen Fenster und Sitznachbar. Nach dem ersten Atemzug, den derjenige oder diejenige neben mir sitzt, muss ich mich also nicht nur damit abfinden, dass sich jemand, meist recht unsanft, in meinen privaten Bereich begeben hab, sondern muss im gleichen Moment auch noch mit Tränen in den Augen und einer ordentlichen Portion Magensäure in meinem Hals kämpfen. Der Versuch wegzurücken - zwecklos.
Mittlerweile habe ich auch für solche Momente ein Gegenmittel (nein, ich sprühe die Leute nicht mit Parfüm an. Erstens ist das unhöflich und zweitens könnte die Kombi aus Moder und Parfüm noch unerträglicher werden): ich stecke die Nase in meinen Schal. Der riecht in der Regel entweder nach Weichspüler oder nach meinem eigenen Parfüm. Also - gerettet. Der Roman kann weitergehen!
Damit aber noch nicht genug! Die Leute, die sich dazu entscheiden, dass man mit mir einen ganz passablen Sitznachbarn wählt (neben Menschen, die in Dresden "anders" aussehen, setzt man sich nicht. Willkommen in F***ing-Pegida-City!), sind meistens ALT! Und alte Menschen haben diese gewisse Art zu schnaufen. Dampflock wäre noch ein Kompliment. Habt ihr schonmal neben einem alten, kahlen Mann gesessen, der sich unsanft neben euch plumpsen lässt, dann durch den Mund schnauft, sodass ihr fast ins Buch kotzen müsst? Willkommen in meinem privaten Bereich.
Gut! Auch damit lernt man umzugehen. Ist das Buch gut genug, habe ich das Schnaufen nach wenigen Minuten vergessen, die Nase im Tuch und die Gedanken wieder im Buch. So kann die Bahnfahrt weitergehen. Die Restlichen 17 Minuten (von 20)...
Nein, damit immer noch nicht genug. Denn nun gibt es auch noch die Exemplare, die nicht einfach nur schnaufen, sondern mit in mein Buch schnaufen! Weil sie mitlesen! Und sich ja dazu auch immer weiter an mich rankommen, damit sie auch lesen können, was da steht! Vielleicht wollen sie herausfinden, was ich lese? (Ich versehe meine Bücher mit Umschlägen. Zum einen um sie zu schonen und zum anderen, weil nicht jeder gleich sehen muss, dass ich den neuen Roman von Stephenie Meyer lese!) Ich weiß es nicht! Auch das Buch leicht wegdrehen hilft nichts. Die kommen einfach noch näher. Klaaaar 10cm von dem Sitz reichen mir auch! Oder wollen Sie gleich auf meinen Schoß?
Anschauen und den "Sie rücken mir heute aber auf die Pelle"-Blick (freundlich, aber mit diesem Hauch von "Lass das!") aufsetzen, hilft nicht. Dann schauen sie dich nur verdutzt an und sobald du wieder in dein Buch schaust, tun sie es auch.
In diesen Minuten frage ich mich meistens, warum ich mir das eigentlich antue. Nehme mir vor, am nächsten Tag meinen Liebsten mit den Öffentlichen fahren zu lassen (er muss auch noch Bus fahren - noch schlimmer!) und selbst das Auto zu nehmen, um am nächsten Morgen doch wieder zur Bahn zu sprinten, mit dem Buch unter dem Arm und einer Dosis Parfüm im Tuch. Wenn ich das Buch durch hab, fahre ich mit dem Rad!
Vielleicht...
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